Liebe SBB, erkenne doch die (Velo-)Zeichen der Zeit

Liebe SBB, erkenne doch die (Velo)Zeichen der Zeit Wochenkommentar Tobias Graden Teamleiter Kultur und Wirtschaft Seit vielen Jahren haben es die SBB versäumt, die Situation für die Velofahrenden spürbar zu verbessern. Die SBB hat diese Woche viele Zuschriften bekommen - und es dürften in den nächsten Tagen noch mehr werden. Ihr Inhalt lautet stets ähnlich: «Liebe SBB», beginnt das Schreiben, «Letzte Woche wurde bekannt, dass ab dem 21. März 2021 eine Reservationspflicht für Velos in Zügen gilt. Bereits bisher ist die Reise mit dem Velo im Zug kompliziert gewesen.

Mit der neuen Regelung wird sie noch schwieriger und teurer.» Mehr als 2100 solche E-Mails sind bis gestern Mittag bei der SBB eingegangen. Die Absender sind nicht etwa besonders fantasielos, sondern ähnlich besorgt. Dass sie alle dasselbe schreiben, liegt am Verein Velorution, über dessen Website sich mit einem Klick das Protest-Massenmail generieren lässt. Warum tut der Verein, der «die Förderung der Velokultur in der Schweiz» bezweckt, dies? Hintergrund sind die Pläne der SBB, ab dem nächsten Frühlingsbeginn auf allen Intercity-Strecken die Mitnahme des Velos im Zug reservationspflichtig zu machen - so wie dies heute schon beispielsweise in den ICN-Zügen am Jurasüdfuss oder zwischen Biel und Basel der Fall ist.

Die Erweiterung der Reservationspflicht soll künftig aber auch in den Multifunktionsabteilen der Doppelstockzüge und damit auf weiteren velotouristisch relevanten Strecken wie etwa zwischen Bern und Brig gelten. An schönen Sommerwochenenden wählen zahlreiche Mountainbiker aus dem Mittelland das Wallis als Ort für einen Ausflug, die Lötschberg-Südrampe oder die Strecke vom Col de Cou nach Pramagnon mit dem Brazilian-Trail gehören zu den bekanntesten und beliebtesten Tourenklassikern der Schweiz. Gerade im Coronajahr 2020 haben mehr Menschen als sonst Ferien in der Schweiz gemacht, viele davon waren mit dem Velo unterwegs oder haben mit Velo und Zug Tagesausflüge gemacht. Der Absatz von Velo-Tageskarten der SBB war im Juli um 40 Prozent höher als im Vorjahresmonat. Die Beliebtheit des Fahrradfahrens als Freizeitbeschäftigung hat generell unbestreitbar zugenommen: Veloläden und Hersteller mussten teilweise schon im Spätfrühling ausverkaufte Lager melden, neue Trends wie das Gravelbiken (grob gesagt eine Mischung aus Rennrad- und Mountainbikefahren) bringen neue Zielgruppen jeden Alters aufs Velo, doch auch die klassischen Disziplinen erleben eine klar beobachtbare Renaissance noch im November sind an einem schönen Sonntag etwa auf dem Biketrail im Berner Bremgartenwald ganze Familien unterwegs.

Vom E-Bike-Boom, der auch ausflugsfreudige Rentnerpaare in die Landschaften hinausführt, ganz zu schweigen. Der Trend dürfte so weitergehen. Gesundheitsund Klimabewusstsein nehmen zu, und die damit einhergehende Hinwendung zum Regionalen dürfte auch in künftigen coronafreien Jahren dazu führen, dass mehr Menschen mindestens einen Teil ihrer Ferien in der Schweiz verbringen - gesund auf dem Velo und klimabewusst mit der Bahn unterwegs. Der Trend ist ja auch nicht neu, sondern schon seit mehreren Jahren zu beobachten. Einzig die SBB scheint ihn zu einem guten Teil verschlafen zu haben.

In diesem Sommer hat sich das gerächt. Es kam zu überfüllten Veloabteilen und auch unschönen Szenen an Bahnhöfen denn wenn für ein Velo im Zug kein dafür vorgesehener Abstellplatz mehr frei ist, darf es aus Sicherheitsgründen nicht transportiert werden. Dass die SBB darum auf beliebten Strecken eine Reservationspflicht einführen will, scheint also auf den ersten Blick verständlich. Auf den zweiten Blick aber finden sich zahlreiche Gründe, warum die Velofahrenden verärgert sind. Da ist zum einen der Preis: Eine Velo-Tageskarte kostet heute 14, eine Reservation pro Strecke fünf Franken - der Preis für das Velobillet eines Ausflugs könnte sich also auf 24 Franken verteuern, was fast eine Verdoppelung wäre.

Je nach Strecke fällt dies unverhältnismässig stark ins Gewicht. Wer im ICN von Biel nach Solothurn, Olten, Yverdon oder Basel reist, zahlt schon heute für die Velomitnahme mehr als für das Halbtax-Ticket für sich selber. Und wer ein Velo-GA besitzt, muss die Reservationsgebühr gleichwohl bezahlen. Hinzu kommt, dass es die SBB seit vielen Jahren versäumt hat, die Situation für die Velofahrenden spürbar zu verbessern. Die ICN-Züge sind in dieser Hinsicht in den warmen Monaten schon lange ein Ärgernis, das vor einiger Zeit auch auf die Strecke Biel-Konstanz ausgedehnt wurde.

Und bei den neuen Dosto-Zügen kann man sich fragen, ob diese eigentlich von Leuten konzipiert wurden, die auch darin fahren. Die Verhältnisse darin sind ohnehin schon beengt, doch die Ausgestaltung der Veloabstellplätze spottet jeder Beschreibung. Offenbar ist den SBB entgangen, dass Mountain- und E-Bikes seit etwa zehn Jahren über Lenker verfügen, die zwischen 70 und 80 Zentimeter breit sind - und so ragen diese weit in den Durchgangsraum, was sämtliche Reisende verärgert. Dass die Lage im angrenzenden Ausland nicht besser ist, kann weder Ausrede noch Trost sein. Die kleinräumige Schweiz ist für Veloausflüge jeglicher Art bestens geeignet, das engmaschige und bestens ausgeschilderte Wegnetz tut das Seine hinzu.

Vorausschauende Destinationen haben das touristische Potenzial des Velos längst entdeckt, es dürfte mit dem Klimawandel und dem damit einhergehenden Rückgang des Skitourismus nur grösser werden und entsprechend Wertschöpfung generieren. Und dass dem Velo in der Gesamtmobilitätsstrategie des Landes mehr Gewicht zukommen sollte, fanden im September 2018 fast drei Viertel der Stimmberechtigten, als sie dem Veloartikel in der Verfassung zustimmten. Es ist der SBB anzuraten, diese Zeichen der Zeit endlich zu erkennen und die Velofahrenden als gute Kunden zu betrachten, nicht als lästiges Ärgernis. Es kann nicht in ihrem Interesse sein, wenn Reisende, die ihr Velo mitnehmen wollen, aufs Auto umsteigen. tgraden@bielertagblatt.

ch.