Eine überwältigende Nordlandfahrt

Eine denkwürdige Reise erlebten Zuozer Lyceanerinnen und Lyceaner im Yukon, im äussersten Nordwesten Kanadas. Dabei waren sie mit Hundeschlitten und Huskies unterwegs Auf dem Takhini-Fluss wurde die Streckenführung geändert, und man gab mir die Warnung mit auf den Weg, besonders sorgfältig auf die Trailmarker zu achten. An einigen Stellen trägt nur eine dünne Eisdecke den Schnee, oft verrät ein dunkler Fleck durchsickerndes Wasser: Overflow, in der Sprache der Schlittenhundeführer. In ungefähr einer Stunde flussaufwärts werden ich und die nachfolgenden Hundeteams der Lyceanerinnen und Lyceaner die kleine Seitenschlucht erreichen, die hinauf zum Dawson Overland Trail führt. So gegen fünf Uhr werden wir dann wohl unser Tagesziel erreichen und noch vor dem frühen Einbruch der Dunkelheit unser Camp aufbauen.

Reise ins Jahr 1983 Also, bei aller nun gebotenen Vorsicht: Es bleibt Raum für eine gedankliche Reise zurück ins Jahr 1983. Bruce Johnson und seine Schlittenhunde trafen wir in Atlin, einem kleinen Indianerdorf drüben in British Columbia. Jahre später erreichte uns die traurige Nachricht von Bruce’ tragischem Unfall auf dem Little Atlin Lake: Unterwegs auf einer Vorbereitungsfahrt zum bevorstehenden Yukon-Quest-Rennen, dem härtesten seiner Art, besiegelt ein Overflow sein Schicksal. Der Schlitten bricht durch das dünne Eis, Bruce und seine Hunde haben in diesem eiskalten Wasser nicht den Hauch einer Chance! Andererseits sind da aber Trapper, Goldsucher und Abenteurer, unter ihnen Jack London, die in ihren Geschichten aus dem Nordland immer wieder von unglaublichen Leistungen berühmter Leithunde berichten. Ausgerüstet mit einem untrüglichen Instinkt führen sie das Hundeteam und ihren Gebieter unfehlbar durch Sturm, über Flüsse und Seen, und nicht wenige Musher entgingen Erfrierungen und plagendem Hunger dank ihren treuen Weggefährten.

Enthusiastische Vierbeiner Wie domestizierte Hunde überall, Huskies waren und sind enthusiastische Begleiter, und manch ein Goldprospektor (Goldschürfer) teilte mit den treuen und geduldigen Mitbewohnern eine kleine Blockhütte während den endlosen Winternächten am Klondike und entging wohl so dem sicheren Zugriff des Cabin Fevers. Lange bevor Raddampfer sich durch die Schnellen des Yukon und seiner Nebenflüsse pflügten, lange bevor die ersten Flugzeuge oder später die ersten Schneemobile im Territorium auftauchten, garantierten Schlittenhundeteams die Aufrechterhaltung von Kommunikation und Transport. Der goldenen Regel wird wohl der gerecht, der die Meinung vertritt: Schlittenhunde repräsentierten ihr Gewicht in Gold! Hunde, die mit den Prospektoren ins Land kamen, mögen in den südlichen Schiffshäfen der Ausgangsorte für 15 Dollar den Besitzer gewechselt haben, im Yukon angekommen war der Verhandlungspreis mindestens zehnmal höher. Schon lange bevor der Lockruf des Goldes die Aussenwelt erreichte, waren Schlittenhunde für den Menschen unentbehrliche Hilfskräfte. Indianer wie Inuit gleichermassen züchteten Hunde, die in der Lage waren, schwere Lasten zu transportieren.

Für Stammesangehörige der Athabasca oder Tahltan, der Yup’ik oder Inupiat Eskimo waren sie zuverlässige Helfer auf den langen Wanderungen zu neuen Jagd- oder Fischgründen, auf der Trapline (Fallenstellerroute) oder beim Transport von Brennholz.
Einmal draussen auf dem Trail begleiteten uns Gedanken über solche Tatsachen, die wir bislang erst in den warmen Stuben zu Hause gelesen haben. Im Bewusstsein dessen, dass wir die für viele einmalige Gelegenheit haben, auf historischen Spuren im Schnee zu reisen, erleben wir unser Yukon-Abenteuer. Wir vermeinen all die aufmunternden Zurufe der Prospektoren an ihre schwer arbeitenden Hundeteams auf ihrem langen und mühsamen Weg zu den Goldfeldern am Klondike wieder zu hören. Vor unserem geistigen Auge erscheinen die vielen verzweifelten und erschöpften Menschen, hilflos der Kälte und Entbehrungen ausgeliefert, die sich wohl oft genug fragten: Warum bloss bin ich nicht in meiner Heimat geblieben? Ihre leeren und hohlen Blicke bohren sich in uns.

Ihre Angst aber vor den bald hereinbrechenden Winterstürmen überträgt sich nicht auf uns. Unsere Reise ist dank der ausgeruhten Hunde, aber auch dank der weisen Voraussicht und der sicheren Art unserer
Guides in der Begegnung mit den Elementen dieser rauen Natur sicher. Unter diesem Schutz wird unsere Nordlandfahrt zu einer ganz besonderen Geografie- und Geschichtslektion, zu einem einzigartigen Naturerlebnis. Wir fühlen uns reich beschenkt und in vieler Hinsicht unverwundbar. Niemand vermisst sein Mobiltelefon.

Entsprechend hart, ja brutal die Rückkehr zum Ausgangspunkt der Reise. Viel zu schnell vergingen die Tage dort draussen auf dem Trail, fernab von störenden Einflüssen. Für die mentale Rückkehr blieb kaum Zeit. Eben noch irgendwo in der Wildnis endloser Wälder, Seen und Flüsse hören wir jetzt und ohne Vorwarnung vom Umsichgreifen der Corona-Infektion und erfahren, wie letztlich sehr klein unsere Welt doch tatsächlich (geworden) ist. Kein Zweifel: Es war eine sinnvolle Reise.

Ende Februar bis Anfang März 2021 soll die Reise wiederholt werden. Auskünfte: 079 681 89 51, b.p.frehner@bluewin.ch.