Interview mit Thomas Hürlimann

Wollt ihr jagen gehen, gnädigster Herr?Thomas Hürlimann: Das ist die Einstiegsfrage in Shakespeares Theaterstück «Was ihr wollt», das ich für die ­Freilichtspiele Luzern in einer ­gekürzten Version auf Mundart übersetzt habe.Wie beginnt das Stück in Ihrer Übersetzung?Bei uns fängt das Stück mit Sarg­toni an, einer Innerschweizer ­Sagenfigur.Nächste Woche hat Ihre Text­bearbeitung in der Regie von Barbara Schlumpf Premiere. Wie wollen Sie das Publikum packen?Barbara und ich holen die Winterkomödie auf eine Kunsteisbahn im Sommer.Weshalb haben Sie sich für «Was ihr wollt» entschieden?Christoph Risi von den Luzerner Freilichtspielen fragte mich an.

Der Auftrag interessierte mich, weil ich gern mit der Regisseurin Barbara Schlumpf zusammen­arbeite. Zudem war das die Gelegenheit, ein Shakespeare-Stück gründlich zu lesen, zu studieren. Ich überlebte mit der genauen ­Lektüre lange Spitalnachmittage.
Sie waren in den letzten Monaten ans Krankenbett gefesselt, weil der bestrahlte Krebstumor Ihrer Prostata wieder wuchs. Half ­Ihnen in dieser Zeit die Arbeit ­­an der Shakespeare-Komödie?Absolut.

Meine Schwester Gabrielle holte mich in die Familien-Reha in ihr Haus im basellandschaftlichen Bottmingen. Bei ihr und meinem Schwager Christoph Haering war ich in der richtigen Umgebung, um mit der eigentlichen ­Arbeit ­anzufangen.
Sie scheinen dem Schlimmsten eine humorvolle Seite abgewinnen zu können: Kürzlich publizierten Sie einen Artikel über Ihre Odyssee durch die Spitäler wie einen Text eines Restaurantkritikers.Ich halte mich an William Shakespeare: Seine Masken haben stets ein lachendes und ein weinendes Auge.Erinnerten Sie Ihre Spitalaufenthalte an die Verwechslungs­komödie «Was ihr wollt», in der sich am Schluss alles in Minne auflöst?Ja, denn ich bin äusserlich gesund ins Krankenhaus gekommen, 48 Stunden später lag ich flach.

Ich habe einen Rollentausch vor­genommen und mich selbst nicht wiedererkannt. Den Figuren in «Was ihr wollt» passiert das ­Gleiche. Sie werden verwandelt.
Geht es Ihnen heute wieder gut?Ja. Ein wagemutiger Chirurg, ­Professor Alexander Bachmann, holte mich dem Tod von der Schaufel.

Schwester und Schwager päppelten mich wieder auf.
«De Franzos im Ybrig» oder ­­«Güdelmäntig» und nun «Was ihr wollt»: In Ihren Theater­produktionen bedienen Sie sich ­gern des Dialekts. Weshalb?Für einen Dramatiker ist es sehr wichtig, dass seine Bühnenfiguren die Sprache sprechen, in der er wohnt.Deswegen Mundart fürs Sprechtheater?So ist es. Ich muss die Zungen ­kennen, die ich sprechen lasse.

Könnten Sie sich vorstellen, einen Roman in Dialekt zu schreiben, wie das etwa Pedro Lenz machte?Nein. Aber für deutsche Leser hat meine Prosa dennoch einen alemannischen Sound.Ihr neuester Roman «Heimkehr» ist letzten Herbst erschienen - geschlagene zwölf Jahre vergingen seit dem Vorgänger. Weshalb liessen Sie seit «Vierzig Rosen» so viel Zeit verstreichen?Auf der Sihlseebrücke hatte ich den Autounfall, mit dem der Roman ­beginnt. Dann kam die Scheidung von meiner Frau, dann der Krebs.

Immer, wenn ich einen neuen ­Anlauf machte, riss es mich von der Arbeit weg.
Der Ammann-Verlag, Ihr angestammtes Haus, machte 2010 dicht. War das mitunter ein Grund für die Verzögerung?Das kam noch hinzu. Der leider ­verstorbene Egon Ammann war mein Freund.Sein erstes Verlagsprogramm begann 1981 ja mit Ihrem ersten Buch, der Erzählsammlung «Die Tessinerin».

Wir sind zusammen durchs Leben gegangen. Der Titel war von ihm - für Deutsche ist das Tessin ein Sehnsuchtsort. In Berliner Kneipen hiess ich in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts «die ­Tessinerin».
Fühlen Sie sich nun beim ­Frankfurter S.-Fischer-Verlag ­heimisch?Seit «Heimkehr» bin ich dort zu Hause.

Ohne Jürgen Hosemann, den Lektor, wäre das Buch niemals fertig geworden.
Welchem Fischer-Autor fühlen Sie sich am nächsten: Thomas Mann, Franz Kafka oder vielleicht Ihren Schweizer Landsleuten Ruth Schweikert und Peter Stamm?Ruth Schweikert und Peter Stamm werden es ähnlich sehen wie ich: ­ S. Fischer ist das Haus von Thomas Mann, von Franz Kafka, von ­Sigmund Freud. Der Verlag ist gut beraten, wenn er dieser Tradition die Treue hält.Haben Sie das Gefühl, da mache S.

Fischer zu wenig?Allgemein bewegen wir uns heute zu sehr auf der Horizontalen, also auf der Gegenwartsebene - nicht mehr, wie früher, in der Vertikalen, die von der Tiefe der Mythen durch die Geschichte und die ­Gegenwart bis zu den Sternen führt. «Ohne Herkunft keine ­Zukunft», sagte der deutsche ­Philosoph Odo Marquard richtig.
Im Roman «Heimkehr» nehmen Sie historischen Bezug auf einen Schweizer Autor des 19. Jahrhunderts - auf Gottfried Keller.Seine Figuren - ob der grüne Heinrich aus seinem Hauptwerk oder Martin Salander aus seinem letzten Roman - sind ebenfalls Heimkehrer.

Wie der Stiller von Frisch. Wie die alte Dame bei Dürrenmatt. «Hei wili, hei», schrieb der Einsiedler Mundartdichter Meinrad Lienert.
Im Heimkehrer-Motiv gibt es persönliche Übereinstimmungen zwischen Ihnen und Keller: Er lebte wie Sie in Berlin, kam wie Sie wieder in die Schweiz zurück.Und beide haben wir kurze Beine.

Keller sagte mal: «Wenn ich vom Stuhl aufstehe, werde ich kleiner.»
Wir feiern dieses Jahr den 200. Geburtstag von Gottfried Keller, und in diesem Jubiläums-Jahr erhalten Sie zusammen mit Adolf Muschg den Gottfried-­Keller-Preis - eine grosse Ehre.Vor allem, weil ich diesen Preis ­zusammen mit dem bewunderten Kollegen Muschg erhalte. Und die Stiftung ist so grosszügig, beiden die volle Preissumme zu geben.

Anlässlich der Preisverleihung vom 7. September werden Sie mit Adolf Muschg über die ­Aktualität von Keller diskutieren. Wo sehen Sie die?Die Schweiz war im 19. Jahrhundert eine Insel in Europa, umgeben von lauter Monarchien. Wer in Russland oder Deutschland verfolgt wurde, bekam in der Schweiz Asyl.

Der revolutionäre russische Philosoph Bakunin konnte im ­Tessin sogar eine Anarchisten­schule gründen.
Und wo liegt die Parallele ­ zu heute?Gottfried Keller wäre heute für ­Europa, aber gegen die EU - genau wie ich. Beide halten wir das Fähnlein der Freiheit und unsere Volksrechte hoch. Die EU würde sie uns verbieten. Sie sowjetisiert sich mehr und mehr.

Meine Landsleute, die den masochistischen Wunsch haben, von der Brüsseler Büro­kratie schikaniert zu werden, ­sollten sich probehalber einem deutschen Steueramt aussetzen.
Wozu?Da lernen sie dann, angeschnauzt und als vermeintliche Betrüger ­verfolgt zu werden. Hingegen die Gemeindekanzlei in Walchwil! Da ist man der Klient einer freundlichen, hilfsbereiten Behörde. Nur die allergrössten Kälber wählen ihre Metzger selber. Leider wimmelt es in unserem Land von solchen Kalbsköpfen.

Keller dachte allerdings grossräumiger und verstand sich als deutschen Autor - er wollte kein Schweizer Nationaldichter sein.Er war es aber. Die Schweiz und ­Zürich haben ihn mit dem grössten Begräbnis, das es in dieser Stadt je gab, verabschiedet. Zehntau­sende haben unter Tränen sein ­patriotisches Lied gesungen: «O mein Heimatland! O mein ­Vaterland! / Wie so innig, feurig lieb ich dich!» Alfred Escher ­förderte Keller ein Leben lang. Als Nationaldichter sollte er die liberalen Werte unseres Landes in die Welt und in die Zeit hinaustragen.

Wie schaffte das Keller?Mit lebensprallen Figuren. Zum Beispiel erschuf er «den schlimmheiligen Vitalis» - ein frommer Mönch verliebt sich in eine schöne Hure. Als Psychologe, etwa von Paarbeziehungen, ist Keller unerreicht. Das muss man hinter seiner Gemütlichkeitsfassade erst noch neu entdecken.Trotz solcher Menschenkenntnis schaffte es Keller nie richtig, ­lebendige Theaterdialoge zu ­schreiben.

Warum ist er letztlich am Drama gescheitert?Es gibt eine Szene aus Kellers ­Berliner Zeit: Wiener Dramatiker kamen damals für ein Theater­treffen in die deutsche Hauptstadt. Da schlich sich Keller unter den Tisch, um denen zuzuhören. Er stellte fest, dass sie nur über Schauspielerinnen und Weinsorten redeten, und war schwer enttäuscht.
Hielt ihn das vor weiteren ­Theatertexten ab?Nein, später hatte er Szenen für ­Zürcher Zünfte geschrieben, doch er war kein Bühnentalent. Er konnte wundervoll malen und war ein ­Lyriker, dem zwei unsterbliche Ge­dichte gelangen: «Winternacht» und «Abendlied».

Lyrik ist eine stille, das Drama eine laute Kunst. Nur Bertolt Brecht konnte das Leise der Lyrik und das Laute des Dramas vereinen.
Dank Ihnen schaffte es Keller 1998 doch noch ins Theater: In Ihrem Stück «Das Lied der Heimat» dichteten Sie ihn als Hauptfigur auf die Bühne.Die Geschichte ist nicht erfunden und hat sich so zugetragen. ­Gottfried Keller floh im Juli 1889 vor den Feierlichkeiten zu ­­­seinem 70.

Geburtstag auf den ­Seelis­berg. Der Bundesrat hat ihn aus­findig gemacht und sandte ein Glückwunschtelegramm. Es ent-hielt vier Schreibfehler. ­Keller hat sie korrigiert und das ­Telegramm an den Bundesrat ­zurückgeschickt.
Nächstes Jahr werden Sie selber 70.

Werden Sie sich ebenfalls ­Geburtstagsfeierlichkeiten ­verweigern?Ich kam am 21. Dezember auf die Welt - da hiess es stets: «Du ­bekommst deine Geschenke dann zu Weihnachten.» Damals, als Kind, wäre ich gern gefeiert ­worden. Nun fürchte ich mich vor der Jahreszahl. Mit dem 70.

bin ich nicht synchron.
Aber eine hohe Zahl ist doch eine Leistung!In meinem Fall ist es eine Leistung der Medizin. Sie hat mir eine dritte Halbzeit geschenkt.Freilichtspiel «Was ihr wollt» vom 11. Juni (Premiere) bis 14.

Juli auf dem EWL-Areal, Luzern, www.freilichtspiele-luzern.chDie Novelle «Das Gartenhaus» (1989) machte ihn berühmt: Thomas Hürlimann (68) ist ­heute einer der wichtigsten deutschsprachigen Roman- und Theaterautoren. In «Der grosse Kater» (1998) fiktionalisierte er das Leben seines Vaters, des ehemaligen Bundesrats Hans Hürlimann (1918-1994) aus Walchwil ZG. Auf der Bühne sorgte er mit seinem «Einsiedler Welttheater» (2000 und 2007) für Aufsehen.

Hürlimann ist mehrfach ausgezeichnet, unter anderen mit dem Joseph-Breitbach- (2001) und dem Thomas-Mann-Preis (2012). Der Autor lebt heute in einem Bootshaus seines Vaterorts am Zugersee..